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Trauma & Körper – wie Erinnerungen somatisch gespeichert werden

  • Autorenbild: Andreas Dohrmann
    Andreas Dohrmann
  • 2. Dez. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Dez. 2025



⭐ Einleitung

Viele Menschen kennen traumatische Erinnerungen als Bilder, Gedanken oder Gefühle. Doch die tiefste Speicherung findet oft nicht im Kopf statt — sondern im Körper.

Patienten beschreiben:

  • „Mein Körper reagiert, bevor ich es selbst merke.“

  • „Ich fühle etwas, aber ich weiß nicht, warum.“

  • „Es ist wie ein Echo, das aus dem Körper kommt.“

Diese Phänomene sind kein Zufall. Sie spiegeln die Art und Weise wider, wie Körper, Nervensystem und Gehirn Stress, Gefahr und Überwältigung abspeichern.

Der Körper merkt sich Erlebnisse oft stärker als der Verstand.

Dieser Artikel erklärt:

  • wie Trauma körperlich gespeichert wird

  • warum der Körper schneller reagiert als der Kopf

  • was „somatische Erinnerungen“ wirklich sind

  • warum manche Reize Flashbacks auslösen

  • wie Polyvagal-Theorie & moderne Forschung das erklären

  • wie der Körper traumatische Ladungen wieder lösen kann


⭐ 1. Warum Trauma körperlich gespeichert wird


Trauma bedeutet nicht nur ein belastendes Ereignis. Trauma ist eine Überwältigung, die das Nervensystem nicht vollständig verarbeiten konnte.

Dabei passiert Folgendes:

  • Der Körper schaltet in Überlebensprogramme (Fight, Flight, Freeze).

  • Reize, Gerüche, Stimmen, Bilder, Emotionen werden „eingefroren“.

  • Der Verstand kann das Geschehene nicht integrieren.

  • Der Körper speichert Schutzreaktionen, Spannungen und Muster ab.

Das ist der Grund, warum traumatische Erinnerungen oft nicht verbal, sondern somatisch sind.


⭐ 2. Was bedeutet „somatische Erinnerung“?

Der Körper erinnert sich auf verschiedenen Ebenen:

  • Muskeln (Spannung, Schutzhaltung)

  • Atemmuster (flach, schnell)

  • Zwerchfell und Brustkorb (Engegefühl)

  • Herzfrequenz (Anstieg, Unruhe)

  • Verdauung (Zusammenziehen, Flattern)

  • Gesichtsausdruck (Freeze, Starre)

Somatische Erinnerung bedeutet:

👉 Der Körper wiederholt eine alte Reaktion —obwohl die Situation längst vorbei ist.


⭐ 3. Wie der Körper traumatische Erlebnisse speichert


(Was wirklich im Nervensystem passiert)

Drei Hauptmechanismen sind beteiligt:

🔹 1. Das autonome Nervensystem speichert Reaktionen

Wenn eine Situation als gefährlich erlebt wird, prägt sich der Zustand ein.

Das heißt:

  • nicht die Erinnerung wird gespeichert

  • sondern die Körperreaktion

Beispiele:

  • Herzrasen in bestimmten Situationen

  • Engegefühl in der Brust

  • Erstarren bei Streit

  • flache Atmung bei bestimmten Gerüchen

🔹 2. Das implizite Gedächtnis speichert Muster

Das implizite Gedächtnis arbeitet unbewusst.

Es speichert:

  • Muskelreflexe

  • Haltungen

  • Atemmuster

  • Schutzverhalten

Das erklärt, warum Trauma so oft „körperlich“ wirkt.

🔹 3. Der Vagus-Nerv speichert soziale Sicherheit oder Gefahr

Der ventrale Vagus (sozialer Sicherheitszustand):

  • Verbindung

  • Ruhe

  • Präsenz

Der dorsale Vagus (Shutdown):

  • Rückzug

  • Kollaps

  • Taubheit

Trauma verschiebt die Balance zwischen beiden Systemen.


⭐ 4. Die Rolle von Triggern — warum kleine Reize große Reaktionen auslösen


Der Körper erkennt Muster viel schneller als der Verstand. Wenn etwas an ein früheres Erlebnis erinnert, reagiert das Nervensystem sofort.

Beispiele:

  • ein Ton

  • ein Gesichtsausdruck

  • eine Berührung

  • ein bestimmter Geruch

  • eine Körperhaltung

  • ein Ort

  • bestimmte Worte

Diese Reize aktivieren das Netzwerk, das damals aktiv war.

Der Körper „springt zurück“ in:

  • Fight

  • Flight

  • Freeze

  • Fawn

Diese Reaktion geschieht automatisch und ohne bewusste Entscheidung.


⭐ 5. Wie der Körper versucht, Trauma zu schützen


Der Körper arbeitet immer für uns — auch wenn es sich unangenehm anfühlt.

Diese Schutzreaktionen sind typisch:

  • Muskelpanzer (verspannte Schultern, Nacken, Kiefer)

  • Atemblockaden (nicht tief atmen können)

  • Bauchspannung (Schutz der Organe)

  • Hypervigilanz (Überwachsamkeit)

  • soziale Überanpassung

  • schnelle Überforderung

  • Rückzug oder inneres Abflachen

All das sind intelligente, aber überdauernde Schutzmechanismen.


⭐ 6. Somatische Flashbacks – wenn der Körper „erinnert“, ohne dass Bilder kommen


Viele Menschen denken bei Flashbacks an visuelle Erinnerungen. Doch die häufigste Form sind somatische Flashbacks:

  • Druck im Brustkorb

  • plötzliches Herzrasen

  • Muskelanspannung

  • flache Atmung

  • Unruhe

  • Engegefühl

  • das Gefühl „weg zu müssen“

Das Gehirn weiß vielleicht nichts —aber der Körper reagiert, als wäre die alte Situation wieder da.

Somatische Flashbacks entstehen durch implizite Gedächtnisnetzwerke, die Reaktionen speichern, ohne dass Bilder oder Gedanken beteiligt sind.


⭐ 7. Emotionale vs. sensorische Trigger – zwei verschiedene Wege


Trigger lassen sich in zwei Haupttypen einteilen:

🔹 1. Sensorische Trigger

Sie wirken über die Sinne:

  • ein Geräusch

  • ein Geruch

  • eine Berührung

  • eine Stimme

  • Licht, Orte, Farben

Der Körper erkennt Ähnlichkeiten sehr schnell —viel schneller als das Bewusstsein.

🔹 2. Emotionale Trigger

Sie entstehen über innere Zustände:

  • Unsicherheit

  • Dominanz anderer

  • Kritik

  • Nähe oder Distanz

  • Überforderung

  • Erwartungsdruck

Sie aktivieren gespeicherte Muster, die früher schützend waren.

Beispiel: „Ein bestimmter Gesichtsausdruck kann ein altes Muster von Rückzug oder Anpassung aktivieren.“


⭐ 8. Trauma im Polyvagal-System – was im Hintergrund passiert


Die Polyvagal-Theorie erklärt somatische Trauma-Reaktionen eindeutig.

Drei Systeme sind beteiligt:

🔸 1. Ventraler Vagus – Reguliert & verbunden

Wenn der ventrale Vagus aktiv ist, fühlt sich der Körper sicher.

Trauma schwächt diesen Zustand — oder macht ihn schwerer zugänglich.

🔸 2. Sympathikus – Aktivierung & Schutz

Viele traumatische Erinnerungen sind mit:

  • Fight

  • Flight

  • Hypervigilanz

verbunden.

Diese Muster können Jahre später aktiviert werden — ohne bewusste Erinnerung.

🔸 3. Dorsaler Vagus – Überwältigung & Rückzug

Hier entstehen:

  • Erstarrung

  • Taubheit

  • Energieverlust

  • „Ich fühle mich abgeschnitten“

Diese Reaktionen wirken oft wie Depression, sind aber körperliche Schutzmodi.


⭐ 9. Warum der Körper schneller reagiert als der Kopf


Das Nervensystem verarbeitet Gefahr 0,2 bis 0,4 Sekunden schneller als das Bewusstsein. Der Körper reagiert also immer zuerst, das Denken später.

Das bedeutet:

  • Das Herz schlägt schneller, bevor man versteht warum.

  • Der Atem wird flach, bevor ein Gedanke da ist.

  • Die Muskeln spannen sich an, bevor eine Emotion bewusst wird.

Der Körper entscheidet auf Basis der Vergangenheit, nicht der Gegenwart.


⭐ 10. Der Körperkompass – eine SunDáo-Methode zur somatischen Orientierung


Die Naturheilpraxis SunDáo arbeitet mit einem einfachen, aber hochwirksamen Modell:

🟩 Der Körperkompass

Er zeigt vier Bereiche, die Menschen nutzen können, um somatische Reaktionen besser zu verstehen:

🔹 1. Körperempfinden (Body Feel)

Beispiele:

  • eng

  • weit

  • schwer

  • kribbelnd

  • angespannt

  • blockiert

Diese Empfindungen sind oft erste Hinweise auf alte Muster.

🔹 2. Atemmuster (Breath State)

Atmung zeigt direkt:

  • Aktivierung

  • Rückzug

  • Sicherheit

  • Überforderung

Tiefe Atmung? → Ventraler Vagus. Flache Atmung? → Sympathikus. Stockende Atmung? → Freeze/Shutdown.

🔹 3. Muskeltonus (Tension Field)

Wo der Körper Schutz hält:

  • Kiefer

  • Nacken

  • Brustkorb

  • Bauch

  • Beckenboden

Dieser Tonus spiegelt oft die „Haltung“ des Nervensystems.

🔹 4. Orientierung (Safety Scan)

Der Körper scannt:

  • Gesichter

  • Stimmen

  • Räume

  • Bewegungen

  • Licht

  • Geräusche

Ein dysreguliertes System findet weniger Ankerpunkte der Sicherheit.


⭐ 11. Der 4-Phasen-Ansatz: vom Körper zur Regulation



Dieser Ansatz wird in SunDáo häufig eingesetzt.

🔸 Phase 1 – Wahrnehmen (Notice)

Ziel: spüren, wo der Körper reagiert. Keine Analyse, nur Beobachtung.

🔸 Phase 2 – Benennen (Name)

Beispiele:

  • „Enge im Brustkorb“

  • „Druck im Magen“

  • „Schwere Beine“

Durch Benennen entsteht Abstand und Klarheit.

🔸 Phase 3 – Regulieren (Regulate)

Möglichkeiten:

  • sanftes Ausatmen

  • leichte Bewegung

  • Hände auf Brust/Bauch

  • Summen / Tönen

  • langsamer Blickkontakt mit einer vertrauten Person

Diese Signale unterstützen natürliche Beruhigungsprozesse.

🔸 Phase 4 – Neu orientieren (Re-Orient)

Der Körper findet Orientierung:

  • Was fühlt sich angenehm an?

  • Wo gibt es Sicherheit?

  • Was ist jetzt?

Das Nervensystem erkennt:👉 „Ich bin im Hier und Jetzt, nicht in der Vergangenheit.“


⭐ 12. Rolle der Naturheilpraxis SunDáo


Die Naturheilpraxis SunDáo arbeitet Trauma-informiert und körperorientiert.

Schwerpunkte:

  • Identifikation somatischer Muster

  • nervensystembasierte Therapieansätze

  • EMDR & bilaterale Stimulation

  • Arbeit mit Atem, Tonus & Vagus

  • Trauma-sensible Entspannungsarbeit

  • Regulation in kleinen, sicheren Schritten

  • Integration von Körper- und Beziehungserleben

Ziel:

👉 Dass Menschen wieder Zugang zu Ruhe, Sicherheit, Verbindung & innerer Stabilität finden.


🟩 FAQ

1. Wie speichert der Körper traumatische Erfahrungen?

Über das Nervensystem, die Atmung, Muskelspannung und automatische Schutzmuster. Der Körper merkt sich Zustände, nicht nur Gedanken oder Bilder.

2. Was sind somatische Erinnerungen?

Das sind körperliche Empfindungen, die sich wie „Echo-Spuren“ alter Erlebnisse anfühlen können. Sie treten oft ohne bewusste Erinnerung auf.

3. Warum reagiert der Körper schneller als der Verstand?

Das Nervensystem erkennt potenzielle Muster von Gefahr früher, als der bewusste Verstand sie benennen kann. Deshalb kommt es zu körperlichen Reaktionen, bevor Gedanken entstehen.

4. Was sind sensorische Trigger?

Reize wie Geräusche, Gerüche, Blicke, Körperhaltungen oder Berührungen, die gespeicherte Muster aktivieren können, ohne dass man weiß, warum.

5. Wie kann man natürliche Regulationsprozesse unterstützen?

Durch:

  • ruhigere Atmung

  • sanfte Bewegungen

  • Orientierung im Raum

  • reduzierte Reizbelastung

  • stabilere Tagesrhythmen

Diese Maßnahmen unterstützen das Nervensystem, wieder besser zu balancieren.


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